Die Lebenswelt vor Ort positiv verändern
Sozialraumorientierung– eine Chance, Jugendhilfe individueller und passgenau zu gestalten
(LifePR) - Es ist das Bild von einem vollen Rucksack, das Christian Kornmann gerne malt, wenn er das Fachkonzept Sozialraumorientierung erklärt. Das Vogelsberger Jugendamt arbeitet schon seit mehr als zehn Jahren sehr erfolgreich nach diesem Konzept. Doch was genau hat es damit auf sich? Was unterscheidet die Jugendhilfe im Vogelsbergkreis von denen in anderen Landkreisen? Woran macht sich der Erfolg fest? Und vor allem: Was hat es denn nun mit diesem Rucksack auf sich? Fragen, die Christian Kornmann, der Leiter des Vogelsberger Jugendamtes, nur zu gut beantworten kann, steckt er doch seit Jahren tief im Thema. Übrigens auchheute wieder, denn im Lauterbacher Landratsamt sind Delegationen aus verschiedenen Jugendämtern – von Nordfriesland über Weimar bis Rosenheim - zu Gast, die ebenfalls das Fachkonzept der Sozialraumorientierung umsetzen.Und was genau verbirgt sich nun hinter diesem Konzept?Kornmann: Ganz vereinfacht gesagt: Sozialraumorientierung gehtüber die herkömmlichen Einzelfallhilfen hinaus und hat zum Ziel, Lebenswelten zu gestalten und Verhältnisse zu schaffen, die es Menschen ermöglichen, in schwierigen Lebenslagen besser und nachhaltiger zurechtzukommen. Wir orientieren uns in der Arbeit am Willen und Interessen der Menschen. Nichtein fremder Hilfe- oder Betreuungsbedarf steht an erster Stelle, sondern das, was Menschen selbst wollen und verändern möchten. Wie war es denn früher? Wenn bei schwierigen Familienverhältnissen gehandelt werden musste, wurde ein Kind oft aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, kam zum Beispiel in eine Jugendeinrichtung in Nordrhein-Westfalen und musste bei null anfangen. Kontakte oder Besuche nach Hause fanden nur am Wochenende statt. Heute können über 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Vogelsbergkreis bleiben, früher war das genau umgekehrt, da wurden zwei Drittel weit außerhalb des Kreises untergebracht. Die Eltern bleiben nach dem jetzigen Konzept weiterhin in der Verantwortung und Kinder und Jugendliche bleiben in ihrer gewohnten Umgebung, in ihrer Schule, in Ihrem Freundeskreis. Wie muss man sich das konkret vorstellen?Kornmann: Wir verändern nicht den Menschen, das geht nicht, aber wir verändern seine Lebensverhältnisse, damit er in einer prekären Situation besser zurechtkommt. Wenn wir einen Fall haben, schauen wir uns zunächst, welche persönlichen Ressourcen hat die Familien, welche Möglichkeiten bietet das soziale Umfeld und der Sozialraum – also das Umfeld des Kindes oder des Jugendlichen – an und überlegen, wie die Familien diese Ressourcen für sich nutzbar machen, um ihre schwierige Lebenslage meistern zu können. Ein Beispiel: Nach einem langen Tag wird es am Abend stets schwierig in einer Familie, die Situation überfordert alle. Doch da gibt es die Nachbarin, die doch angeboten hatte zu helfen, wenn die drei Kleinen zeitgleich ins Bett gebracht werden müssen. Wir ermutigen Menschen, solche Hilfen anzunehmen, um ihre Lage zu verbessern. Mal ist es ein Fahrdienst, der gebracht wird, mal eine Hausaufgabenbetreuung, aber natürlich ist es nicht immer so leicht. Natürlich braucht es in anderen Fällen auch Hilfen durch das Jugendamt, Therapien, ärztliche oder psychologische Betreuung – aber auch da lässt sich vieles im Sozialraum abbilden.Ein solches Konzept lässt sich sicher nicht von Jetzt auf Gleich umsetzen?Kornmann: Nein, bei weitem nicht, das ist ein Prozess, der auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Deshalb ist auch der Austausch untereinander so wichtig. Mit anderen Jugendämtern, die nach dem Konzept der Sozialraumorientierung arbeiten, haben wir einen Verbund gegründet und treffen uns regelmäßig – heute und morgen hier bei uns im Vogelsbergkreis.Wie ist der Vogelsbergkreis eigentlich darauf gekommen, nach dem sozialräumlichen Ansatz zu arbeiten?Kornmann: Es waren nicht zuletzt die steigenden Kosten in der Jugendhilfe, die uns zwangen, nach neuen Wegen zu suchen. Fündig wurden wir weit entfernt von hier im Kreis Nordfriesland, der damals schon sozialräumlich arbeitete. Wir stellten den Ansatz schließlich in unserem Jugendhilfeausschuss vor, der uns den Auftrag erteilte, ein entsprechendes Konzept für den Vogelsberg zu erstellen: Der Grundstein war somit gelegt.Mit einem Konzept allein war es ja nicht getan, wie gestaltete sich die Umsetzung?Kornmann: Die ging nur gemeinsam mit unseren Trägern, weil ja auch zusätzliche Plätze geschaffen werden mussten. Auch die Träger stehen hinter unserem sozialräumlichen Ansatz, so können wir auf Augenhöhe zusammenarbeiten, wir können gemeinsam Haltungen und Zielvereinbarungen erarbeiten. Durch diese geteilte Leitungsverantwortung entstehen tragfähige Partnerschaften – und das kommt unseren Kindern und Jugendlichen zugute.Das ist das Stichwort: Was halten eigentlich die Kinder selbst, vom Konzept?Kornmann: Sozialraumorientierung bietet die Chance, Jugendhilfe individueller, wirksamer und letztlich auch wirtschaftlicher zu gestalten. Gerade die Beteiligung und Nutzung der Ressourcen im Sozialraum werden von unseren Jugendlichen geschätzt. Wir bemerken eine weit höhere Zufriedenheit – übrigens auch bei unseren Fachkräften.Interessant ist aber auch der wirtschaftliche Aspekt, oder?Kornmann: Auf jeden Fall. Wir stärken ja die ambulanten Hilfen, das führt dazu, dass die stationären Unterbringungen stark zurückgegangen sind und somit auch die Kosten. Zum Vergleich: Im Jahr 2015 haben wir dafür mehr als 11,5 Millionen Euro aufwenden müssen, innerhalb von zehn Jahren verringerte sich die Aufwendung für stationäre Wohnformen auf weniger als 9,5 Millionen im Jahr 2025.Das hört sich doch alles sehr vielversprechend an. Bliebe da noch eine Frage: Was hat es mit dem Rucksack auf sich?Kornmann: Wenn ich neuen Kolleginnen und Kollegen das Prinzip der Sozialräumlichkeit erkläre, dann greife ich zu diesem Beispiel: Die Kinder und Jugendlichen kommen mit einem schweren Rucksack zu uns, legen ihn uns auf den Tisch und fragen nach Hilfe. Wir aber wollen diesen Rucksack gar nicht. Wir wollen vielmehr verstehen, warum der so schwer ist, wir wollen helfen, dass er leichter zu tragen ist – mit Hilfe der persönlichen Ressourcen oder mit Hilfe des Sozialraums. Das ist unser Ansatz, wir können den Familien, Kindern und Jugendlichen nicht alle Sorgen und Nöte abnehmen, aber es wird gezielt nach den Fähigkeiten der Menschen sowie nach vorhandenen Stärken, Netzwerken im Sozialraum gesucht, um Lebensbedingungen zu verbessern.
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Datum: 28.10.2026 - 10:11 Uhr
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