Hohe Zahl von Drogentodesfällen: Toleranzzonen für Mikrohandel können Leben retten

(ots) - Zum heutigen Gedenktag fordert die Deutsche Aidshilfe die Weiterentwicklung schadensminimierender Maßnahmen durch die Duldung von"Mikrohandel"in Hilfseinrichtungen.
Am 21. Juli wird alljährlich international der Menschen gedacht, die an den Folgen von Drogenkonsum beziehungsweise mangelnder Unterstützung gestorben sind - in Deutschland mit Veranstaltungen in mehr als 100 Städten unter dem Motto"Verändern, um Leben zu retten".
2.150 Menschen haben hierzulande im letzten Jahr durch illegale Substanzen ihr Leben verloren. Die Zahl stagniert seit Jahren auf hohem Niveau, immer mehr junge Menschen sterben. Viele der Verstorbenen könnten noch leben. Denn Hilfsangebote könnten die meisten Todesfälle vermeiden.
Gedenken heißt auch: Leben retten
Gedenken bedeutet daher aus Sicht der Deutschen Aidshilfe (DAH) auch: Alles dafür tun, dass in Zukunft weniger Menschen sterben. Gemeinsam mit anderen Fachorganisationen hat die DAH einen Fünf-Punkte-Plan mit nachweislich wirksamen Interventionen (https://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/hohe-zahl-drogenbedingter-todesfaelle-wie-viele-junge-menschen-muessen-noch-sterben) aufgestellt.
Zu möglichen lebensrettenden Maßnahmen gehört darüber hinaus eine Weiterentwicklung von Drogenkonsumräumen, die zurzeit diskutiert wird: In diesen Einrichtungen sollte die Weitergabe von kleinen Mengen der Substanzen zum sofortigen Konsum toleriert werden - streng reguliert und beschränkt auf registrierte Nutzer*innen der Einrichtung.
Weg von der Straße, rein in die Hilfe
Was auf den ersten Blick wie eine Kapitulation vor dem Drogenhandel aussehen mag, erweist sich bei näherem Hinsehen als möglicher Teil einer Lösung - gleichermaßen hilfreich für die Konsument*innen wie für die öffentliche Ordnung.
"Die Tolerierung von ,Mikrohandel kann tatsächlich dazu beitragen, in Hilfseinrichtungen Leben zu retten. Im Drogenbereich brauchen wir mutige pragmatische Lösungen - gerade jetzt. Wir können nicht weiter dabei zusehen, wie immer mehr junge Menschen sterben", sagt DAH-Vorstandsmitglied Winfried Holz.
Wie die Maßnahme funktioniert, erläutert Dirk Schäffer, DAH-Referent für Drogen und Strafvollzug:
"Wenn es möglich ist, Substanzen direkt vor dem Konsum in einem geschützten und regulierten Rahmen zu bekommen, kommen die Menschen vermehrt in die Konsumräume. Im Fall einer Überdosis steht lebensrettende Hilfe bereit, zudem kann weitere Unterstützung angeboten werden, etwa Beratung und Substitutionsbehandlung. Konsum und Handel auf der Straße gehen zugleich zurück."
Gut erprobtes Modell
Das Vorgehen ist bereits gut erprobt: Die Stadt Zürich und andere Schweizer Städte konnten offene Drogenszenen so reduzieren. Sie schafften soziale Orte für die Abhängigen - Konsummöglichkeiten und"Toleranzzonen"inklusive. Das"Zürcher Modell"gilt als vorbildlich.
In Deutschland fehlt jedoch die gesetzliche Grundlage. Erforderlich ist eine Regelung auf Bundesebene. Die Oberbürgermeister von Köln, Torsten Burmester (SPD), und Düsseldorf, Stephan Keller (CDU), sind nun vorangegangen: Sie fordern gemeinsam, solche Toleranzzonen zu ermöglichen.
"Es ist kein Zufall, dass Kommunalpolitiker ohne ideologische Vorbehalte handeln wollen, denn sie müssen die Probleme in ihren Städten lösen", stellt DAH-Vorstand Winfried Holz fest."Die Bundesregierung muss jetzt erlauben, was vor Ort hilfreich sein kann."
Einige Einrichtungen sind bereits vorbereitet: So hat der Träger Vision in Köln mit einem Zelt die räumlichen Voraussetzungen für längere Aufenthaltszeiten von Klient*innen geschaffen, das so eine"Toleranzzone"werden könnte.
Toleranzzonen als Teil von sozialen Orten
Klar ist dabei auch: Mit Toleranzzonen allein ist es nicht getan. Parallel müssen Übernachtungs- und Wohnangebote sowie passende Aufenthaltsorte für Menschen geschaffen werden, die jetzt im öffentlichen Raum leben. Dafür braucht es die entsprechenden Ressourcen.
"Von medizinischer Hilfe im Notfall bis zum Schlafplatz, von der sauberen Spritze bis zur Waschmaschine: Wie in Zürich müssen soziale Orte entstehen, die Drogen konsumierenden Menschen einen sicheren Aufenthaltsort und Unterstützung anbieten", sagt DAH-Drogenreferent Dirk Schäffer."Die Ideen aus der Praxis vor Ort weisen den Weg für die Weiterentwicklung von Hilfsangeboten!"
Wachsende Dringlichkeit
Eine Weiterentwicklung der erfolgreichen Angebote wird dabei immer dringender: Der zunehmende Konsum von Crack und das Aufkommen synthetischer Opioide verschärfen die Situation Drogen konsumierenden Menschen im öffentlichen Raum. Neben der Zahl von Todesfällen unter jungen Menschen steigt auch die Zahl der HIV- und Hepatitis-Infektionen.
"Es ist dringend an der Zeit zu handeln", betont Dirk Schäffer."Wenn wir jetzt nicht reagieren, werden noch mehr Menschen sterben. Es bleibt dabei: Drogenkonsumräume retten Leben, verhindern Infektionen und ermöglichen Hilfe. Diesen Dreiklang müssen wir weiter ausbauen."
Weitere Informationen:
Gedenktag 21.7. (Webseite) (https://www.gedenktag21juli.de/)
Fünf-Punkte-Plan gegen Drogentodesfälle (https://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/hohe-zahl-drogenbedingter-todesfaelle-wie-viele-junge-menschen-muessen-noch-sterben)
750 mal lebensrettende Soforthilfe: Daten und Fakten [HW-DA3] zu Drogenkonsumräumen in Deutschland im Jahr 2025 (https://www.aidshilfe.de/de/aktuelles/drogenkonsumraeume-retten-leben)
Pressekontakt:
Deutsche Aidshilfe
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Datum: 21.07.2026 - 10:45 Uhr
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