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Westdeutsche Zeitung: Abschied aus dem Solidarsystem =

Von Wibke Busch

ID: 232370


(ots) - Willkommen im Sommerloch 2010! Eins muss man
Marco Wanderwitz lassen: Der junge CDU-Politiker weiß, wie man in
nachrichtenarmer Zeit auf sich aufmerksam macht. Dabei ist die Idee,
dass Menschen, die gesundheitlichen Risikogruppen angehören oder
besondere gesundheitliche Risiken eingehen, mehr für ihre
Krankenversicherung zahlen sollen, nicht einmal neu. Sie wird aber
durch ständiges Wiederholen - sei es auch in Variationen - nicht
besser. Denn ihre Umsetzung ist schwierig: Ab welcher Kleidergröße
beispielsweise soll der Risikozuschlag greifen? Und was ist mit den
Menschen, die für ihr Übergewicht gar nichts können, weil es
krankheitsbedingt ist? Sollen sie etwa auch mehr zahlen? Die Debatte
birgt darüber hinaus die große Gefahr, dass es mit den
Übergewichtigen zwar anfängt, wegen abschmelzender finanzieller
Polster der Krankenversicherung aber nicht aufhört. Wer sich
anschaut, was die Gentechnik heute schon ermöglicht, den lassen
Zukunftsszenarien erschaudern: Dann könnten künftig auch Frauen einen
höheren Krankenkassenbeitrag zahlen, die eine familiär bedingte
Veranlagung zum Brustkrebs haben. Wenn sie denn überhaupt noch
versichert werden. Gesundheit wäre dann das, was es wirklich nicht
sein sollte: ein Luxus für die, die es sich leisten können. Die
Diskussion führt aber auch deshalb in die Irre, weil sie von den
wirklichen Problemen des Gesundheitssystems ablenkt. Denn die
eigentlichen Einsparpotenziale sind an anderer Stelle zu finden,
beispielsweise bei den Medikamenten, der Überbürokratisierung im
Gesundheitswesen oder unnötigen Doppeluntersuchungen. Über Dicke zu
reden ist für Politiker aber einfacher, als sich mit komplizierten
Finanzierungsregeln zu befassen. Das heißt natürlich nicht, dass die
Versicherten keine Verantwortung für ein Funktionieren des Systems
haben. Natürlich ist es zu begrüßen, wenn sich Menschen gesund




ernähren, Sport treiben oder Vorsorgeuntersuchungen wahrnehmen. Wer
dies fördern möchte, sollte aber nicht mit dem Finger auf einzelne
Gruppen zeigen, sondern neue Anreizsysteme schaffen oder bestehende
ausbauen. Das allerdings ist dann kein Thema mehr, mit dem man ein
Sommerloch füllen kann.



Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2358
redaktion.nachrichten(at)westdeutsche-zeitung.de

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Datum: 22.07.2010 - 19:21 Uhr
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