Sanitätshäuser und Homecare: 76 Prozent sehen Existenz von Betrieben langfristig gefährdet / Wie werden wir in Zukunft versorgt? Bundesweite Studie befragt rund 1000 Mitarbeitende der Hilfsmittelbranche

(ots) - Deutschland wird radikalälter. Dennoch möchte jeder möglichst lange gesund, mobil und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben. Dabei völlig unverzichtbar: die tägliche Arbeit von Sanitätshäusern und Homecare-Anbietern. Menschen, die nach einem Unfall oder einer Operation professionell mit medizinischen Hilfsmitteln versorgt werden müssen, sind zwingend auf diese Unterstützung angewiesen. So werden zahlreiche Operationen vermieden und Milliarden Euro gespart. Aber die aktuellen Rahmenbedingungen - lähmende Bürokratie, Kostendruck, verschleppte Digitalisierung und der geplante Drei-Prozent-Abschlag auf erbrachte Leistungen - erschweren diese systemrelevante Aufgabe massiv. Diese Tatsache belegt die heute in Berlin veröffentlichte HilfsmittelStudie 2026.
Rund 1000 Mitarbeitende aus der Sanitätshaus- und Homecare-Branche haben an dieser zukunftspsychologischen Studie teilgenommen - der bislang größten in dieser Branche. Gemeinsam zeichnen sie das Bild einer demokratierelevanten, für die Gesundheitsversorgung unverzichtbaren Branche, die seit Jahren von politischen Vorgaben ausgebremst wird. Diese Situation ist unverantwortlich, obwohl die Branche in Zukunft eine noch zentralere Rolle bei der Prävention und der Sicherung von Lebensqualität und Mobilität spielen kann. Die Zukunft heißt"Care-Navigation".
"Die Hilfsmittelbranche ist weit mehr, als ihre Branchenbezeichnung vermittelt", so Prof. Dr. Thomas Druyen, Präsident der opta data Zukunfts-Stiftung (https://www.zukunftsstiftung.optadata.de/), die die Studie gemeinsam mit dem Institut für Zukunftspsychologie und Zukunftsmanagement (https://izz.sfu.ac.at/) der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien und in Kooperation mit dem Bundesinnungsverband für Orthopädie-Technik (https://biv-ot.org/) (BIV-OT) und dem Verband Versorgungsqualität Homecare e. V. (https://www.vvhc.info/) (VVHC) durchgeführt hat."Individuelle Hilfsmittelversorgung macht verlorene oder eingeschränkte Funktionen durch technische Lösungen wieder verfügbar: Mobilität, Stabilität, Greiffähigkeit, Pflegefähigkeit, Orientierung, Sicherheit und Selbstständigkeit. Wer diese Versorgung leistet, organisiert Alltag und gibt Menschen die Möglichkeit, trotz Krankheit, Alter,Behinderung, Einschränkung oder Pflegebedarf handlungsfähig zu bleiben. Es geht um Würde, Teilhabe und oft um die Frage, ob ein Mensch weiter zu Hause leben kann oder auf stationäre Strukturen angewiesen ist."
Wachsende Bedeutung, aber geringe Wahrnehmung
Im deutschen Gesundheitssystem, das sich in den kommenden Jahren radikal verändern wird, sind Sanitätshäuser und Homecare-Anbieter also von existentieller Bedeutung. So leisten schon heute Homecare-Unternehmen eine koordinierende Begleitung von Patienten durch ein zunehmend komplexes und unübersichtliches System, insbesondere beim Übergang vom Krankenhaus indie häusliche Versorgung. Davon, dass diese Verantwortung angesichts einer stetig alternden Bevölkerung, der steigenden Zahl multimorbider Patienten und einer fortschreitenden Ambulantisierung der Gesundheitsversorgung weiterwachsen wird, sind 88 Prozent der Studienteilnehmer überzeugt. Gleichzeitig sehen sie jedoch, dass sie von Gesellschaft und Politik bislang nicht als tragende Säule des Gesundheitswesens wahrgenommen werden. Im Gegenteil: So fühlen sich 93 Prozent der Befragten von der aktuellen Gesundheitspolitik nicht ausreichend vertreten.
Wirtschaftliche Existenz bereits jetzt gefährdet
Das am 29. April vom Bundeskabinett verabschiedete GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz (BStabG) wird diese Einschätzung bestätigen. Denn mit diesem Gesetz sollen durch einen pauschalen Drei-Prozent-Abschlag auf bereits vereinbarte Vertragspreise und weitere Maßnahmen Kosteneinsparungen erzielt werden. In der Branche trifft diese Entscheidung auf großes Unverständnis. Befürchtet werden nicht nur Abstriche in der Qualität der Patientenversorgung, sondern auch massive wirtschaftliche Folgen: 76 Prozent sehen die Existenz der Betriebe bereits jetzt durch die aktuelle Vergütungsstruktur langfristig gefährdet. Mit einem Drei-Prozent-Abschlag werden Hilfsmittelanbieter noch stärkerals bisher zur Ader gelassen.
Enormer Kostendruck, erdrückende Bürokratie
Die von der Bundesregierung geplanten Maßnahmen treffen also eine Branche, die ohnehin vor zahlreichen Herausforderungen steht. So geben 81 Prozent der Befragten an, dass der Fachkräftemangel die zukünftige Patientenversorgung deutlich beeinträchtigen wird. Die Zahl der zu versorgenden Menschen wird in den nächsten Jahren weiter steigen, aber auf immer weniger Menschen treffen, die diese Versorgung tatsächlich leisten können.
Vor allem aber spielen - wie in allen Bereichen des Gesundheitswesens - Zeit und Geld eine entscheidende Rolle: 84 Prozent der Befragten befürchten, dass sich die Versorgung durch den steigenden Kostendruck und überbordende Bürokratie verschlechtern wird. Schon heute wenden, so ein weiteres Studienergebnis, Sanitätshäuser und Homecare-Anbieter über 30 Prozent ihrer Betriebszeit für die Erledigung bürokratischer Abläufe auf - Zeit, die in die Patientenversorgung sehr viel besser investiert wäre. Zu den Gründen zählt vor allem eine Besonderheit, die in der Branche als"Vertragsdschungel"bekannt ist: Wer seine Leistungen gegenüber mehr als 90 gesetzlichen Krankenkassen abrechnet, erledigt dies auf Grundlage von individuellen Verträgen. Um alle gesetzlich Versicherten zu versorgen, müsste er mehrere hundert verwalten. Das kann sich kein Leistungserbringer wirtschaftlich leisten. Dass sich 80 Prozent der Befragtenmehr Einfluss auf die Krankenkassen und die Vertragsgestaltung und 69 Prozent eine deutliche Entbürokratisierung wünschen, ist daher nachvollziehbar.
Entlastung durch Digitalisierung
Große Hoffnungen werden schließlich auch in digitale Technologien und Künstliche Intelligenz gesetzt. 77 Prozent erwarten, dass diese zu tiefgreifenden Veränderungen in der Versorgung führen werden, die vor allem Patienten zugutekommen. Denn jeder Prozess, der effizienter gestaltet wird- 76 Prozent sehen darin den Hauptnutzen der Digitalisierung -, schafft mehr Zeit für Versorgung und persönliche Betreuung. In den Worten eines Studienteilnehmers:"Digitalisierung muss uns entlasten, damit wir uns wieder mehr auf den Menschen konzentrieren können."Und auch in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren wieÄrztinnen und Ärzten, Kliniken und Pflegediensten soll die Digitalisierung nach Ansicht der Befragten eine entscheidende Rolle spielen: 75 Prozent wünschen sich eine digitale Vollvernetzung.
Das Modell der Zukunft: Care-Navigation
"Die entscheidende Entwicklung in der Hilfsmittelbranche wird jedoch keine technologische sein", fasst Prof. Dr. Druyen die Ergebnisse der Studie zusammen."Die Zukunft der Hilfsmittelbranche und damit die Zukunft der Patientenversorgung wird das sein, was wir Care-Navigation nennen - ein neues Berufsbild, ein neues Versorgungsmodell."Die Kernidee: In einem fragmentierten System von zahlreichen, bislang nicht vernetzten Akteuren begleiten Sanitätshäuser und Homecare-Anbieter den Patienten durch den gesamten Versorgungspfad, dies nicht allein mit medizinischen Hilfsmitteln, sondern mit Beratung, häuslicher Versorgung, Nachsorge, Prävention und mehr. Denn das ist das eigentliche Ziel: Menschen zu helfen, möglichst lange gesund, mobil und selbstbestimmt zu leben - und das ohne bürokratische Umwege.
Studie online verfügbar
Die vollständige HilfsmittelStudie 2026 kann ab dem 25. Juni kostenlos auf der Website der opta data Zukunfts-Stiftung heruntergeladen werden: www.zukunftsstiftung.optadata.de/forschung/studien/sanitaetshausstudie-2025-2026/
Pressekontakt:
Dr. Frank Unterberg (Presse), 01511 8802955, f.unterberg(at)optadata-gruppe.de
Linda Kaiser M.Sc. (Studienleitung), 01511 5013779, l.kaiser(at)optadata-gruppe.de
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Datum: 25.06.2026 - 12:05 Uhr
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