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Historiker Götz Aly: Deutsche Gesellschaft ist"starr, zäh, egoistisch und krampfhaft besitzwahrend"/Findet Markus Söder populistischer als Tino Chrupalla

ID: 2245040

(ots) - Der Historiker, Buchautor und Journalist Götz Aly (78) übt harsche Kritik an Politik und Gesellschaft Deutschlands und fordert drastische Reformen für das Staatswesen."Unsere Gesellschaft ist starr, zäh, egoistisch und krampfhaft besitzwahrend geworden", sagte er im Interview mit der"Neuen Osnabrücker Zeitung"(noz). Der Bund könne"nicht weiterhin mehr als den halben Bundeshaushalt in Renten, Pensionen und soziale Umverteilungsmaßnahmen stecken, weil wir damit die Zukunft des Landes und der nächsten Generationen verspielen". Deutschland müsse"sehr viel verändern", wenn es weiter zu den führenden Staaten der Welt gehören wolle. Dafür brauche es"wieder Politiker, die notwendige Reformen gegen den momentanen Mehrheitswillen der Bevölkerung durchpauken", so Aly. Friedrich Merz (CDU) traut er das einstweilen nicht zu:"Ein Bundeskanzler dieses Formats fehlt uns bislang."

Starke Kritikübte Aly am bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus Söder: Dieser sei der"Champion"auf der"nach oben offenen Populismusskala", noch vor dem Co-Vorsitzenden der AfD, Tino Chrupalla. Aly weiter:"ImÜbrigen schätze ich an Herrn Chrupalla, dass er seine Liebe oder Nichtliebe zu deftigen Fleischgerichten als Privatangelegenheit behandelt und nicht politisch-demonstrativ Leberkäs- und Dönerberge in sich hineinstopft."

+++ ppe/ew+++

Die autorisierten Zitate:

Wie bewerten Sie die heutige Bundesregierung?

Wir haben keine andere. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Regierung noch zusammenreißt und umfassende, dringend erforderliche Reformen durchführt: Wir können nicht weiterhin mehr als den halben Bundeshaushalt in Renten, Pensionen und soziale Umverteilungsmaßnahmen stecken, weil wir damit die Zukunft des Landes und der nächsten Generationen verspielen. Wir befinden uns an einem Wendepunkt. Deutschland und seine Wirtschaft verlieren international an Bedeutung. Wir müssen sehr viel verändern, wenn wir weiter nicht etwa führend sein, sondern überhaupt mithalten möchten.





...

Also mehr Zentralität?

Schwierig. Dieses Europa mit seinen vielen Sprachen, Literaturen, Küchen und so unterschiedlichen historischen Werdegängen hat doch etwas Wunderschönes. Doch macht es genau diese zauberhafte Vielfalt so schwer, die Europäer zusammenzuführen und in wichtigen Dingen mit einer Stimme sprechen zu lassen. Wie soll man mit gemeinsamen Schulden umgehen, wiemit Flüchtlingen, mit militärischen und finanziellen Hilfen für die Ukraine und so weiter. Dabei nimmt der nationale und auch regionale Populismus ständig zu.

Markus Söder erklärte neulich:"Bayern ist geil!", im Subtext also: Die anderen sind ungeil. Auf der nach oben offenen Populismusskala würde ich nicht den AfD-Co-Vorsitzenden Tino Chrupalla zum Champion erklären, sondern Söder. Im Übrigen schätze ich an Herrn Chrupalla, dass er seine Liebe oder Nichtliebe zu deftigen Fleischgerichten als Privatangelegenheit behandelt und nicht politisch-demonstrativ Leberkäs- und Dönerberge in sich hineinstopft.

...

Was kann helfen?

Soll ich ehrlich sein? Ich weiß es nicht. Ich habe Zweifel. Unsere Gesellschaft ist starr, zäh, egoistisch und krampfhaft besitzwahrend geworden. Das liegt nicht hauptsächlich und schon gar nicht allein an"der Politik", an"denen da oben". Ich möchte dieses Land nicht regieren müssen. Das ist eine harte Arbeit, um die ich niemanden beneide. Es braucht wieder Politiker, die notwendige Reformen gegen den momentanen Mehrheitswillen der Bevölkerung durchpauken.

Konrad Adenauer hat die Westbindung und die Wiederbewaffnung durchgesetzt und die Erbfeindschaft mit Frankreich beendet; Helmut Schmidt setzte den sowjetischen SS-20-Raketen US-amerikanische Pershings entgegen, zuvor hatte er 1978 die Berechnungsgrundlage für die Rente vom Brutto- auf den Nettolohn drastisch abgeflacht, um das gesamte System zu retten; Gerhard Schröder hat mit seinen Sozial- und Wirtschaftsreformen die Grundlage für die gemütlichen Merkel-Jahre gelegt.

Die genannten Politiker mussten sich gegen Mehrheiten in der Bevölkerung, gegen massive Proteste durchsetzen und parlamentarische Mehrheiten sichern. Sie riskierten ihre Wiederwahl, weil sie sich dem Allgemeinwohl und der Zukunft des Landes verpflichtet sahen. Ein Bundeskanzler dieses Formats fehlt uns bislang.

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