"nd.DerTag": Man muss Diplomatie nur wollen - Kommentar zum Waffenstillstand im Krieg gegen den Iran

(ots) - Es gibt sie noch, die guten Nachrichten: Nach etwa sechs Wochen Krieg haben die USA und Israel mit dem Iran einen Waffenstillstand vereinbart. Erreicht wurde dieses am Mittwochmorgen bekannt gewordene Abkommen durch gegenseitige Gespräche. Das zeigt: Diplomatie funktioniert, man muss sie nur wollen. Und die USA und der Iran haben gewollt - trotz ihrer seit Jahrzehnten bestehenden Feindschaft.
Dennoch stellt der Krieg einen Bruch in den internationalen Beziehungen dar. Genau genommen hat dieser bereits Anfang des Jahres begonnen, als die USA den Staatschef von Venezuela, Nicolás Maduro, entführt haben: Wenn die Regierung von Donald Trump ein echtes Problem mit einem ihm nicht genehmen Land hat, dann wird dessen Führung nach Möglichkeit beseitigt. Maduro sitzt seit Monaten in einem US-amerikanischen Gefängnis. Sein Land wird nun bis zu einem gewissen Grad aus Washington ferngesteuert. Der Steuermann sitzt im Weißen Haus und heißt Donald Trump. Ein unglaublicher Vorgang.
Dieses Szenario hatten die USA und ihre Verbündeten in Israel so oder so ähnlich wohl auch für den Iran im Kopf. Die Führungsspitze dieses Staates wurde von ihnen nicht aus dem Amt entfernt, sondern gleich ermordet. Ali Khamenei, oberster Religionsführer des Iran, hat zu spüren bekommen, was es heißt, in diesen Zeiten einFeind der USA zu sein. Seit etwa einem Monat lebt dieser Mann nicht mehr - viele andere Führungskader auch nicht.
Doch der iranische Machtapparat ist wie eine Hydra: Schlägt man ihm den Kopf ab, wächst in Windeseile ein neuer nach. Das scheint der größte Unterschied zu Venezuela zu sein, wo sich die neue Führung unter Delcy Rodríguez mit den US-Falken inzwischen offenbar arrangiert hat. Jetzt ist Khameneis Sohn der erste Mann im Iran. Ein Ende derislamistischen Terrorherrschaft ist nicht in Sicht.
Und genau das ist aus Sicht der USA und Israels das größte Problem. Trotz intensiver Bombardements blieben Anzeichen für einen Regimewechsel aus. Verständlicherweise, denn auf die Aufstände und Demonstrationen der jüngsten Vergangenheit hat das Regime in Teheran mit unglaublicher Härte geantwortet und Tausende Menschen ermordet. Wenn der Galgen droht, traut sich kein Mensch mehr mit einem Transparent auf die Straße. Das haben auch Washington und Tel Aviv zur Kenntnis genommen.
Am Ende scheint die Blockade der Straße von Hormus durch Teheran, Nadelöhr für die Energiewirtschaft in der Region schlechthin, die zweiwöchige Feuerpause gebracht zu haben. Die hat nicht nur in Deutschland die Spritpreise explodieren lassen, sondern auch in den USA zu Preissteigerungen bei Energie, einem Inflationsschub und steigenden Kreditkosten geführt. Die mehr als 1400 laut Weltgesundheitsorganisation getöteten Zivilisten im Iran haben nicht zu der Erkenntnis geführt, dass Washington und Tel Aviv etwas falsch gemacht hatten. Das sagt nicht nur viel über die Bedeutung fossiler Energieträger fürdie Weltwirtschaft aus, sondern auch einiges über das Menschenbild der beiden Aggressoren. Das sollte man sich merken, sollte das Morden nach zwei Wochen weitergehen.
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