Ein Kanzler inÜbergröße / Kommentar von Raimund Neußüber die Leistungen Konrad Adenauers und seiner Nachfolger

(ots) - Ein Kanzler inÜbergröße
Raimund Neuß über die Leistungen Konrad Adenauers und seiner Nachfolger
Was für ein Kanzler. Konrad Adenauer überragt im Rückblick alle anderen Gründerväter und Gründermütter der Bundesrepublik und alle deutschen Regierungschefs, die nach ihm kamen. Allenfalls Helmut Kohl kommt an seine Übergröße heran. Zum 150. Geburtstag Adenauers lässt sich an seinem Beispiel die Frage diskutieren, ob Persönlichkeiten Geschichte machen können. Oder ob politisches Handeln größtenteils eine Funktion äußerer Gegebenheiten wie ökonomischer Zwänge und schlicht der Geografie ist.
Adenauer hat sich von solchen Bedingungen nicht vereinnahmen lassen. Er wusste, was für verheerende Konsequenzen in der Vergangenheit aus der geografische Mittellage Deutschlands - zwischen West und Ost - gezogen worden waren. Geprägt durch die Erfahrung der NS-Diktatur, in der er selbst verfolgt worden war, machte Adenauer die Bundesrepublik zu einem entschieden westlichen Land, politisch, wirtschaftlich und militärisch. Dazu musste er ehemalige Kriegsgegner überzeugen und massive innere Widerstände überwinden. Schon für den ersten großen Schritt nach Westen, das Petersberger Abkommen 1949, wurde er von SPD-Chef Kurt Schumacher als"Bundeskanzler der Alliierten"beschimpft. Adenauer hat sich - ziemlich autoritär - durchgesetzt und die bis heute gültige Grundausrichtung deutscher Politik definiert.
23 Jahre nach Adenauers Tod, anlässlich des Beschlusses der DDR-Volkskammer über den Beitritt der neuen Länder zum Bundesgebiet, sickerte aus dem dritten Kabinett Kohl gewiss mit höchster Billigung das anonym geprägte Wort vom"Mantel der Geschichte"durch. Kohl konnte wie Adenauer nicht die tektonischen Verschiebungen der Weltpolitik steuern, aber beide erkannten die Handlungsmöglichkeiten, die sich plötzlich auftaten. Kohl nutzte einen Glücksmoment, während Adenauer das Menetekel des eskalierenden Ost-West-Konflikts gelesen hatte. Die bedrohlichen Umstände erlaubten und geboten es für ihn, den westlichen Teils Deutschlands in den Kreis der souveränenNationen zurückzuführen, zum Partner der Nato und zum Mitgründer dessen zu machen, was heute die EU ist.
Bis zu Kohl stand kein deutscher Kanzler mehr in einer so grundsätzlichen Entscheidungssituation wie Adenauer. Die erste und bisher einzige Kanzlerin versagte später angesichts der Krise, die sich mindestens seit dem Auftritt von Kremlchef Wladimir Putin vor der Nato 2008 anbahnte. 2011 setzte Deutschland die Wehrpflicht aus, 2018 - vier Jahre nach der Krim-Invasion - begann der Bau von Nord Stream 2. Angela Merkels unglücklichem Nachfolger Olaf Scholz ist zugutezuhalten, dass er die Zeitenwende endlich erkannte, wenn auch viel zu spät. Er bekam den letzten Mantelzipfel der Geschichte zu fassen, als der Weltgeist eigentlich schon durch die Tür war. Und jetzt?
Friedrich Merz und seine Partner dürfen sich nicht weiter im sozialpolitischen Hickhack verlieren. Adenauers Erbe ist aufs Äußerste bedroht. Der größte europäische Krieg seit 1945 geht bald ins vierte Jahr. Die USA, an die Scholz sich anlehnte, sind unter Donald Trump ins Trudeln geraten - wieder sind Warnzeichen verschlafen worden. Eine von Rechtsextremisten durchsetzte Partei will die EU zerstören. Russland fordert uns mit seiner hybriden Kriegsführung heraus. Die Republik so aufzustellen, dass sie dem standhält, und mit europäischen Partnern den weitgehenden Ausfall der USA zu kompensieren - das wäre, wenn es gelänge, eine Leistung, die an die Adenauers heranreicht.
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