Falls ich schwerhrig werde, mchte ich gerne Franzose sein

29.06.2020 - 17:00 | 1826847


Artikel von Meyer-Hentschel Institut

Sind bestimmte Sprachen, z.B. Franzsisch, fr schwerhrige alte Menschen leichter verstndlich als andere, z.B. Deutsch? - von Gundolf Meyer-Hentschel

Vor einigen Tagen besuchte ich einen Bekannten, der fast 90 Jahre alt ist. Er war guter Dinge und freute sich ber meinen Besuch. Sein einziges Problem, sagte er, sei sein Gehr. Ja, da hatte er Recht. Es war sehr mhsam und anstrengend, mit ihm zu sprechen. Ich musste extrem deutlich, in kurzen Stzen und ziemlich laut mit ihm sprechen. Ich fragte seine Frau, wie sie das mache. Sie verriet mir einen Trick.



Sie htten viele Jahre in Frankreich gelebt und Franzsisch sei zur zweiten Muttersprache geworden. Deshalb habe sie eines Tages etwas auf Franzsisch zu ihrem Mann gesagt. Und das habe er viel leichter verstanden als ihre Stze in deutscher Sprache.



Da ich nie Franzsisch gelernt haben, konnte ich den Trick nicht ausprobieren. Deshalb bat ich die Dame, dies fr mich tun. Tatschlich, es funktionierte.



Diese erstaunliche Erfahrung weckte den Wissenschaftler in mir. Ich recherchierte, was dahinter stecken knnte.



Die Konsonanten machen Probleme, wenn man schwerhrig ist



Wenn man im Alter schwerhrig wird oder ist, leidet am ehesten das Verstndnis der Konsonanten. Diese liegen im oberen Frequenzbereich und haben eine relativ geringe Schallenergie, d.h. sie kommen "leise" am Ohr an. Die folgende Abbildung macht dies deutlich. Die stimmlosen Konsonanten F, P, S und T werden am ehesten von einer Altersschwerhrigkeit beeintrchtigt.

Quelle: https://www.ecophon.com/de/know-how/acoustic-knowledge/basic-acoustics/sprache-und-horen/



Wie wichtig sind die Konsonanten fr das akustische Verstehen von Sprache?



Da sind wir genau beim Kernpunkt. Die Bedeutung der Konsonanten fr das Verstehen von gesprochenen Informationen ist von Sprache zu Sprache unterschiedlich. Es gibt Sprachen, die viele Konsonanten verwenden und solche mit einer geringeren Zahl von Konsonanten. Die folgende Graphik zeigt einige dieser Unterschiede. Die Sprache mit den wenigsten Konsonanten (19) in diesem Vergleich ist Franzsisch (Fr). Deutsch (Gr) liegt mit 26 Konsonanten deutlich hher. Spitzenreiter ist Spanisch (Es) mit 30 Konsonanten.





[Quelle: French-German Bilingual Acoustic Modeling for Embedded Voice Driven Applications

Jozef Ivaneck,Volker Fischer, and Siegfried Kunzmann, in: V. Matousek et al. (Eds.): TSD 2005, LNAI 3658, pp. 234-240, 2005. Springer-Verlag, Berlin Heidelberg]



Die Ursache fr die mgliche berlegenheit der franzsischen Sprache knnte also an der geringen Zahl ihrer Konsonanten liegen. Franzosen sind deshalb mglicherweise weniger auf das Verstehen der Konsonanten angewiesen, die im Verlaufe einer Altersschwerhrigkeit fr die Ohren immer schwieriger wahrzunehmen sind.



Auch die Tonhhe einer Sprache knnte eine Rolle spielen



Ein weiterer spannender Aspekt knnte die Tonhhe einer Sprache sein. In welchen Frequenzen wird sie gesprochen? Ist es eher eine dunkle oder helle Sprache? Auch dazu gibt es Daten. [Quelle: https://medium.com/language-insights/sound-frequencies-of-language-714b97811408]



Der Frequenzbereich der deutschen Sprache startet bei 125 Hz und endet bei 3.000 Hz. Beim Vergleich der deutschen mit der franzsischen Sprache sieht man, dass im Franzsischen der Frequenzbereich ber 2.000 Hertz fehlt. Dies ist genau der Bereich, in dem die Konsonanten liegen und in dem die Altersschwerhrigkeit im Alltag sprbar wird. Also 2:0 fr Franzsisch. Zumindest aus der Sicht altersschwerhriger Menschen.



Werfen wir jetzt einen Blick auf den orangen Balken, das britische Englisch. Man kann sehen, dass die Briten eine der "hellsten" Sprachen der Welt haben. Ihr Frequenzbereich beginnt bei 2000 Hertz und reicht bis 12.000 Hertz. Welche praktischen Auswirkungen knnte dies haben?



Verstehen die alten Briten die Welt nicht mehr?



Eine Fragestellung liegt nahe: Wenn das britische Englisch so hochfrequent gesprochen wird, dann knnten in Grossbritannien mehr alte Menschen ein Hrproblem haben als in anderen Lndern, z.B. als in Frankreich und Deutschland.



Beim Prfen dieser Vermutung habe ich mit Verzweiflung festgestellt, dass Daten zum Hrvermgen von Menschen fast berall auf der Welt von Experten geschtzt werden, sich allenfalls auf kleine und wenig belastbare Studien sttzen. Gleichzeitig war ich allerdings auch erleichtert, dass Arztgeheimnis und der Schutz der Privatsphre der Menschen offensichtlich immer noch ziemlich intakt sind.



Im Folgenden nutze ich die wenigen Zahlen, die mir zugnglich waren, wobei ich betone, dass ich sie fr sehr spekulativ halte. Aber vielleicht sind die Schtzfehler der Experten in den einzelnen Lndern hnlich, so dass zumindest die Relationen der Zahlen einigermassen richtig sind. In dieser Hoffnung - ohne die auch Wissenschaft nicht leben kann - kann man feststellen, dass die Zahlen meine Vermutung tendenziell sttzen, zumindest nicht grundlegend widerlegen.



[Quelle: https://medium.com/language-insights/sound-frequencies-of-language-714b97811408, mit Zahlen ergnzt und grafisch verndert.]



Das hochfrequente britische Englisch - von 2.000 bis 12.000 Hertz - mit 24 Konsonanten "fhrt" dazu, dass rund 16 % der Briten ein Hrproblem erleben.



In Frankreich (der unterste, blaue Balken) liegt der Anteil der Menschen mit Hrproblemen bei etwa 9,5 % deutlich niedriger. Liegt es vielleicht daran, dass die franzsische Sprache mit nur 19 Konsonanten auskommt und eine maximale Frequenz von etwa 2.000 Hertz hat? Der grsste Teil der franzsischen Sprache liegt also im eher niederfrequenten Bereich, der bei Hochtonschwerhrigkeit noch relativ gut verstanden wird.



Die deutsche Sprache (schwarzer Balken) befindet sich im Mittelfeld: Sie hat zwar von den hier betrachteten Sprachen mit 26 die hchste Zahl der Konsonanten, kann diesen Nachteil fr schwerhrige Menschen aber vielleicht durch ihre Frequenzobergrenze von 3.000 Hertz ausgleichen. Ergebnis ist ein Anteil von 13 % Menschen mit Hrproblemen.



Einwand!



Ein mglicher Einwand knnte sein, dass man die Verstndlichkeit von Sprachen nicht isoliert nur nach Zahl der Konsonanten und der Frequenz beurteilen kann. Schliesslich knnten inhaltliche Aspekte, Wrter, Formulierungen auch eine Rolle spielen. Um diesen Einwand zu entkrften, habe ich mir Daten fr die US-englische Sprache angeschaut. Sie ist dem britischen Englisch fast identisch, bis auf die Aussprache.



Die typisch US-amerikanische Aussprache (bitte wieder nach oben scrollen zur letzten Abbildung) nutzt einen wesentlich tieferen Frequenzbereich als das britische Englisch: Die Amerikaner starten mit 1.000 Hertz und riegeln bei 4.000 Hertz ab. "Ergebnis": 13 % Menschen mit Hrproblemen.



Die Englnder beginnen erst bei 2.000 Hertz und beherrschen die Kunst der hohen Frequenzen bis 12.000 Hertz. Mglicherweise mit Nachteilen fr schwerhrige Menschen. Der Spitzenwert von 16 % Briten mit Hrproblemen knnte dies nahelegen.



Anteil von Menschen mit Hrproblemen



Grossbritannien: ca. 16 %

https://www.hearinglink.org/your-hearing/about-hearing/facts-about-deafness-hearing-loss/



Frankreich: 8 % - 11 %

https://efhoh.org/wp-content/uploads/2017/04/Hearing-Loss-Statistics-AGM-2015.pdf

https://www.unsaf.org/doc/FinalReportHearingLossV5.pdf



Deutschland: ca. 13 %

https://www.hear-it.org/germany-one-in-five-suffering-from-hearing-loss



USA: ca. 13 %

https://www.nidcd.nih.gov/health/statistics/quick-statistics-hearinggov/health/statistics/quick-statistics-hearing



Warnung vor dem Kreativen



Meine Beobachtungen und daraus abgeleiteten berlegungen knnen durchaus als wissenschaftlich verstanden werden. Die zur Verfgung stehenden Daten sind dies definitiv nicht. Insofern klassifiziere ich meine Ausfhrungen als Beitrag zu einer kreativen, alltagsrelevanten und - vor allem - unterhaltsamen Wissenschaft.



Ob ich allerdings eines Tages wirklich gerne Franzose wre, muss ich mir noch berlegen. Ich bin auf der Suche nach einer Sprache, die vielleicht noch besser verstndlich ist als Franzsisch. Schn wre auch, wenn diese Sprache in einem Land gesprochen wrde, das mich mit mildem Klima und intelligenten, freundlichen Menschen verwhnt.





Autor:

Dr. Gundolf Meyer-Hentschel ist Verhaltenswissenschaftler. Einer seiner Schwerpunkte ist das Altern. 1994 hat er den Alterssimulationsanzug erfunden.

Unternehmensinformation / Kurzprofil:

Das Meyer-Hentschel Institut ist ein verhaltenswissenschaftliches Forschungs- und Beratungsunternehmen.


Leseranfragen:

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Gundolf Meyer-Hentschel
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66123 Saarbrcken
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0700 123 456-01
https://meyer-hentschel.com/keynote

Anmerkungen:

1826847

Kontakt-Informationen:
Vor- / Nachname: Meyer-Hentschel Institut

Ansprechpartner: Gundolf Meyer-Hentschel
Stadt: Saarbrcken
Telefon: 0700 123 456-01

Keywords (optional):
schwerh-rig, schwerh-rigkeit, altersschwerh-rigkeit, hochtonschwerh-rigkeit, presbyakusis,

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