DER STANDARD-KOMMENTAR "Europa muss feiern lernen" von Josef
Kirchengast
(ots) - Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und
Nordirland gehört zu Europa - zumindest geografisch. Es gehört sogar
zur Europäischen Union. Formal. Aber wem es bisher noch nicht klar
war, der muss es nach den Festivitäten zum diamantenen Thronjubiläum
der Queen erkannt haben: Aus den Briten werden so schnell keine
EU-Europäer.
Das ist die eine Botschaft dieser viertägigen Feiern, die teilweise
schon rauschhaften Charakter annahmen und doch weit mehr waren als
die brillante Selbstdarstellung einer Monarchie. Denn für eine bloße
Inszenierung war die Stimmung unter den Briten offensichtlich zu
authentisch, war die aktive Beteiligung, etwa am Bootskorso auf der
Themse oder an den Straßenfesten, zu begeistert, waren die gezeigten
Gefühle zu echt.
Die andere Lektion betrifft gleichfalls die EU: Solange sie es nicht
schafft, eine zeremonielle Kultur zu entwickeln, mit der sie sich
selbst darstellt und feiert und die Bürger zum Mitfeiern gewinnt,
wird sie deren Herzen nicht erreichen. Da hilft die ausgeklügeltste
PR-Strategie nichts.
Symbole und Anlässe gibt es. Aber wer weiß schon, dass die Zahl der
Sterne in der EU-Flagge - zwölf - für Vollkommenheit und Einheit
steht? Oder dass der seit 1986 am 9. Mai gefeierte Europatag auf die
Erklärung von 1950 zur Kohle-Stahl-Union zurückgeht, die dann zum
Kern der EU wurde?
Und wie wird dieser Tag gemeinhin begangen? Mit fast verschämten
Festakten im Hinterzimmer, unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in
demonstrativer Abwesenheit von Spitzenrepräsentanten aus Politik,
Wirtschaft und Kultur. Der Tag müsste in der gesamten EU gesetzlicher
Feiertag sein - damit fängt es an; dann fiele es auch leichter,
angemessene Zeremonien unter größtmöglicher Beteiligung der Bürger zu
entwickeln. Dass der politische Wille nicht einmal zu solch
symbolischen Akten reicht, spiegelt den traurigen Zustand des
Europabewusstseins wider.
Das einzige Symbol von praktischer Bedeutung, das die Union bisher
hervorgebracht hat, ist zum Ausdruck ihrer tiefsten Krise geworden:
der Euro. Sein mögliches Scheitern steht für mangelnde politische
Einigkeit. Politische Einigkeit setzt ein Mindestmaß an gemeinsamer
Kultur voraus, wobei Kultur nichts anderes bedeutet als: den anderen
verstehen und selbst verstanden werden. Nur so kann auch eine Basis
für gemeinsames politisches Handeln entstehen. Das politische
EU-Defizit folgt direkt aus mangelnder Anstrengung zur kulturellen
Integration - aller Sonntagsrhetorik von gemeinsamen Werten zum
Trotz.
Von Jean Monnet, Spross einer französischen Kaufmannsdynastie und
einer der Gründerväter der EU, der auch eine Schlüsselrolle in der
Kohle-Stahl-Union spielte, ist der Satz überliefert: "Wenn ich es
noch einmal zu tun hätte, würde ich mit der Kultur beginnen."
Zeremonien und Rituale sind Kernelemente jeder Kultur, weil sie das
Gemeinsame in verdichteter Form ausdrücken. Zugleich brauchen sie
glaubwürdige Darsteller. Eines ohne das andere funktioniert nicht.
Das ist das Geheimnis der britischen Monarchie - wie immer man zu ihr
steht.
Europa fehlt beides: gemeinsame Rituale und zumindest ein
glaubwürdiger Repräsentant. Zu Letzterem wird man wohl nur über
EU-weite Wahlen kommen. Wie man ihn dann nennt, ist nebensächlich.
Dass er keine reale Macht braucht, zeigt das britische Beispiel.
Jobbeschreibung: europäischer Zeremonienmeister.
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Datum: 05.06.2012 - 18:24 Uhr
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Die Inszenierung der britischen Monarchie ist auch eine Lektion für die EU - Ausgabe vom 6.6.2012
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