Wenn der Nachlass zur Kostenfalle wird
Wenn ein Angehöriger verstirbt, gehen viele Familien zunächst davon aus, dass der Nachlass geordnet undüberschaubar ist. Doch nicht selten zeigt sich erst Wochen oder Monate später ein ganz anderes Bild: Offene Forderungen–insbesondere von Pflegeheimen–können dazu führen, dass ein Nachlass plötzlichüberschuldet ist.
Besonders heikel wird es, wenn Erben bereits Gegenstände entnommen haben oder Pflichtteilsberechtigte Ansprüche geltend machen. Welche rechtlichen Risiken in solchen Fällen bestehen und wie Betroffene richtig reagieren, erklärt Rechtsanwalt Kirchhof aus Berlin im folgenden Interview.

(IINews) - Herr Kirchhof, wie häufig kommt es vor, dass ein Nachlass erst im Nachhinein als überschuldet erkannt wird?
Das kommt in der Praxis tatsächlich häufiger vor, als viele denken. Gerade bei Pflegeheimkosten erleben wir regelmäßig, dass die endgültige Abrechnung erst nach dem Todesfall erfolgt. Für die Erben sieht der Nachlass zunächst unproblematisch aus – bis dann plötzlich Forderungen eingehen, die den gesamten Nachlass übersteigen.
Welche Bedeutung haben diese Pflegekosten rechtlich?
Pflegeheimkosten zählen zu den sogenannten Nachlassverbindlichkeiten. Das bedeutet, sie sind aus dem Nachlass zu begleichen und können diesen vollständig aufzehren. Wenn die Forderungen hoch genug sind, führt das zur Überschuldung des Nachlasses.
Was bedeutet das konkret für die Erben?
Mit der Annahme der Erbschaft treten die Erben grundsätzlich in die Rechtsposition des Verstorbenen ein. Das heißt: Sie übernehmen auch die Schulden.
Das Problem ist, dass viele Erben nicht wissen, dass sie unter Umständen sogar mit ihrem Privatvermögen haften. Deshalb ist es enorm wichtig, frühzeitig zu prüfen, ob der Nachlass überschuldet sein könnte.
In unserem Fall haben Erben bereits Erinnerungsstücke aus dem Nachlass entnommen. Ist das problematisch?
Rein rechtlich ja. Mit dem Erbfall gehört der gesamte Nachlass der Erbengemeinschaft als Ganzes. Einzelne Erben dürfen nicht eigenmächtig Gegenstände entnehmen – selbst wenn es sich nur um persönliche Erinnerungsstücke handelt.
Die Entnahme kann rechtlich auch als Annahme des Erbes betrachtet werden, eine weitere Problematik.
Herr Kirchhof, wann gilt eine Erbschaft eigentlich als angenommen?
Eine Erbschaft kann ausdrücklich angenommen werden – etwa durch Erklärung gegenüber dem Nachlassgericht. Häufig passiert die Annahme aber unbewusst durch schlüssiges Verhalten, also sogenanntes „konkludentes Handeln“.
Das bedeutet: Wer sich wie ein Erbe verhält, nimmt die Erbschaft faktisch an – auch ohne es zu wissen.
Was sind typische Beispiele für eine solche „konkludente Annahme“?
Ein klassischer Fall ist die Entnahme oder Verwertung von Nachlassgegenständen.
Wer beispielsweise:
•Schmuck mitnimmt
•Möbel verteilt
•Konten nutzt oder Geld abhebt
zeigt damit nach außen, dass er die Erbschaft als eigene betrachtet. Juristisch wird das häufig als Annahme gewertet.
Gilt das auch für Erinnerungsstücke von geringem Wert?
Hier wird es in der Praxis schwierig.
Grundsätzlich kann jede Entnahme als Annahme gewertet werden – unabhängig vom materiellen Wert. Auch Gegenstände mit rein ideellem Wert sind rechtlich Teil des Nachlasses.
Allerdings schauen Gerichte im Einzelfall genauer hin. Wenn es sich eindeutig nur um persönliche Erinnerungsstücke ohne wirtschaftliche Bedeutung handelt, wird teilweise differenziert. Eine sichere Grenze gibt es aber nicht.
Welche Folgen hat eine solche Annahme der Erbschaft?
Mit der Annahme treten die Erben vollständig in die Rechtsstellung des Verstorbenen ein.
Das bedeutet:
•Sie übernehmen alle Rechte, aber eben auch
•alle Schulden
Und genau hier liegt das Risiko: Wenn später – etwa durch Pflegeheimkosten – eine Überschuldung festgestellt wird, haften die Erben unter Umständen auch mit ihrem Privatvermögen.
Kann man die Erbschaft nachträglich noch ausschlagen, wenn man bereits Gegenstände entnommen hat?
Das wird schwierig. Sobald die Erbschaft wirksam angenommen wurde– auch durch konkludentes Verhalten – ist eine Ausschlagung grundsätzlich nicht mehr möglich.
Es gibt nur wenige Ausnahmen, etwa bei Irrtum. Diese sind jedoch rechtlich komplex und oft schwer durchzusetzen.
In unserem Fall wurden Erinnerungsstücke entnommen, bevor die Pflegeheimkosten bekannt waren. Wie bewerten Sie das?
Das ist ein klassischer Praxisfall. Die Beteiligten handeln meist in gutem Glauben und ohne Kenntnis der tatsächlichen Vermögenslage. Rechtlich kann die Entnahme aber bereits als Annahme gewertet werden – mit allen Konsequenzen.
Gerade deshalb ist es so wichtig, vor jeder Handlung den Nachlass zu prüfen oder zumindest Vorsicht walten zu lassen.
Wie wirkt sich dieÜberschuldung auf den Pflichtteilsberechtigten aus?
Der Pflichtteilsberechtigte ist nicht Erbe und haftet daher nicht für Schulden. Allerdings hat er nur einen Anspruch auf den sogenannten Nettonachlass. Wenn dieser negativ ist, besteht faktisch kein Zahlungsanspruch.
Problematisch wird es aber, wenn der Pflichtteilsberechtigte– wie im geschilderten Fall – selbst Gegenstände entnimmt. Dazu ist er rechtlich nicht berechtigt und kann zur Rückgabe verpflichtet sein.
Was raten Sie Erben konkret, um solche Risiken zu vermeiden?
Der wichtigste Rat ist: Nicht vorschnell handeln.
•Keine Gegenstände entnehmen
•Keine Konten nutzen
•Keine Verteilung vornehmen
Solange unklar ist, ob der Nachlassüberschuldet ist, sollte man sich zurückhalten.
Wenn sich eineÜberschuldung abzeichnet, sollten unbedingt Maßnahmen zur Haftungsbeschränkung – etwa eine Nachlassinsolvenz – geprüft werden.
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Unternehmensinformation / Kurzprofil:
Rechtsanwalt Helmut Kirchhof ist ein in Berlin tätiger Jurist mit klarer Spezialisierung auf das Erbrecht und das Familienrecht. Im Erbrecht liegt sein besonderer Fokus auf der kompetenten Beratung und Durchsetzung von Pflichtteilsansprüchen. Mit umfassender Fachkenntnis unterstützt er Mandantinnen und Mandanten sowohl bei der rechtssicheren Nachlassplanung als auch bei der außergerichtlichen und gerichtlichen Klärung erbrechtlicher Streitigkeiten.
Auch im Familienrecht begleitet Rechtsanwalt Kirchhof seine Mandanten mit hoher Professionalität und dem nötigen Fingerspitzengefühl. Ob Scheidung, Unterhaltsfragen, Sorgerecht oder Vermögensauseinandersetzungen–er entwickelt individuelle Lösungen, die sowohl rechtlich fundiert als auch menschlich tragfähig sind.
Besonders geschätzt wird Rechtsanwalt Kirchhof für sein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen. Er nimmt sich viel Zeit für persönliche Gespräche, hört aufmerksam zu und geht sehr detailliert auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse seiner Mandanten ein. Seine verständnisvolle und ruhige Art schafft Vertrauen–gerade in sensiblen Lebenssituationen, die juristische Unterstützung erfordern.
Roswitha Gladel
chippy11(at)web.de
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Datum: 22.04.2026 - 11:49 Uhr
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